Tag #1 Unterwegs zwischen Heide und Hilversum: Kontrastprogramm auf Etappe 16 des Nordholland-Pfades
Stadt, Land, Fluss – Etappe 16 des 284 Kilometer langen Fernwanderwegs hält alles bereit. An Tag 1 streifen wir durch dichten Wald und leuchtende Heidelandschaften in der Region Het Gooi. Nach einer unerwarteten Bootstour auf der Vecht lernen wir am zweiten Tag die Medienstadt Hilversum kennen und sind geflasht von berührender Fotokunst und einem Architekten, der die Stadt nachhaltig geprägt hat: Willem Marinus Dudok. Der Abend? Schöner geht’s nimmer. Erst schwimmen im Seenlabyrinth um die Ecke, dann direkt am Wasser richtig lecker essen. Alles in allem: ein ›aanrader‹!
Tag #1
„Het … was?“ Meine Begleiterin sieht mich fragend an. „Het Gooi, mit stimmhaftem ‚g‘“, versuche ich es noch einmal und muss lachen. Susanne sieht verwirrt aus. „Wichtig ist nur, dass du weißt, wo du bist: südlich vom IJsselmeer, nicht weit von Amsterdam und direkt bei Hilversum, umgeben von riesigen Heidelandschaften.“ Genug Georgrafie für heute. Wir haben ausgezeichnet in unserem kleinen Hooibergje geschlafen. Auch sonst hat uns der „Heuschober“ auf dem Bauernhof der Familie Galesloot begeistert: praktisch, liebevoll und mit allem Nötigen ausgestattet. Das Frühstück genießen wir zwischen Fluss und weitem Weideland – unter den neugierigen Blicken einer buntgefleckten Kuh. Dazu gibt es würzigen Gooische Kaas, köstlich und intensiv im Geschmack.
„Schiet op – beeil dich, gleich ist Marjan hier!“ Wir müssen die Idylle vorerst hinter uns lassen, denn heute steht Etappe 16 des Nordholland-Pfades auf dem Programm – 15 Kilometer durch Wälder und Heidegebiete. Besonders freue ich mich auf die Heide, die jetzt in voller Blüte steht. Auf Texel, wo ich vor einer Woche auf Etappe 1 und 2 unterwegs war, standen bereits alle Zeichen auf Lila.

Wir haben ausgezeichnet in unserem kleinen Hooibergje geschlafen bei Recreatie aan de Vecht
Prächtige Landgüter und wilder Wald
Wir starten am Besucherzentrum der Region, Bezoekerscentrum Gooi en Vechtstreek, in ’s-Graveland. Marjan kommt gut gelaunt und in kurzen Hosen auf uns zu. Genau das richtige Outfit für 27 Grad! Sie ist die Marketingfrau des Noord-Hollandpad und unser Guide für den Tag. „Welkom, Susannes!“ Marjan lacht: „Da muss ich mir ja nicht viele Namen merken.“ Schnell ein Video und Fotos vor dem Einstiegspunkt in die Tour gemacht – und ab ins Infozentrum von Natuurmonumenten, der Stiftung für Naturschutz und -pflege. Eric, ein sympathischer Ehrenamtler, erklärt, dass wir uns auf dem Gelände des Sommersitzes Boekesteyn befinden. Das Infozentrum mit dem Café-Restaurant Brambergen war früher ein Bauernhof, der zum buitenplaats (Landgut) gehörte. Hilversum und Umgebung waren im 17., dem ,Goldenen Jahrhundert‘ der Niederlande der bevorzugte Sommersitz wohlhabender Amsterdamer, die hier prächtige Landgüter errichteten. Eric zeigt uns auf einem großen Landschaftsmodell den Verlauf unserer heutigen Wanderroute.
Und los geht’s … ins Restaurant Brambergen! „Ihr müsst die appeltaart probieren, die ist hier echt lekker!“ Bei Kaffee und Kuchen genießen wir auf einer Traumterrasse den Blick in die weite Natur. Marjan erzählt uns, dass einer der Besitzer, Sem Harten, oft mit seiner Familie in der Umgebung wandern war und sich wunderte, warum es keine Einkehrmöglichkeit gab. Gedacht, getan! Mit dem Café-Restaurant hat er einen idyllischen, nachhaltigen Ort geschaffen.

Bei Kaffee und Kuchen genießen wir auf einer Traumterrasse des Brambergen den Blick in die weite Natur
Jetzt aber wirklich los. Vorbei an Speelnatuur Oerrr, das auf einem einmaligen Naturspielplatzkonzept von Natuurmonumenten beruht, geht es nun auf den pad. Dunkelblaue Pfeile auf orangefarbenem Grund führen uns für die nächsten Stunden zuverlässig durch die Landschaft. Zunächst geht es in eine beeindruckende Buchenallee, begleitet von der ’s-Gravelandsche Vaart, einem schmalen Kanal – ein malerischer Einstieg! Sofort wird klar, warum die Amsterdamer die Gooi-Region so lieben.
Ökodukte: gut für die Artenvielfalt
Die letzten Spätsommertage waren auch hier feucht. Dunke Herbsttrompeten (essbar!) und sehr viel auffälligere, wild wuchernde knallorange Pilzformationen mit weißem Rand (giftig?) lassen es sich im Schatten der mächtigen Buchen gut gehen. Wir auch! Erst einmal bleibt es schattig – die Route führt durch den riesigen Spanderswoud, einen ehemaligen Wirtschaftswald, der sich heute selbst überlassen wird. Die Natur darf hier wild wachsen, um verschiedenen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum zu bieten. Der Wald wirkt daher oft angenehm unordentlich – und vor allem bunt: mit vielen Herbstfarben, obwohl es ein warmer Sommertag ist.

Unterwegs auf Etappe 16 des Nordholland-Pfads
Gut, dass Eric uns vorhin am Landschaftsmodel die beiden Naturbrücken gezeigt hat: Auf den ersten Blick sind sie nämlich nicht als solche zu erkennen. Mit 800 Metern ist die Natuurbrug Zanderij Crailoo das längste Ökodukt Europas. Sie quert Straße, Eisenbahnlinie und ein Rangiergebiet und verbindet den Spanderswoud mit Wester- und Bussumerheide. Wir sind erstaunt, wie grün die Brücke ist und wie gut sie von Wanderern, Radlern, Reitern und Tieren genutzt wird. Auch Rehe, Marder, Dachse, Iltisse, Eichhörnchen, Ringelnattern und Eidechsen durchqueren hier sicher die Region.
Die Heide, ein lila Wunder!
Die Heide ist erreicht! Raus aus dem Wald wissen wir den Schatten jetzt erst so richtig zu schätzen. Dafür entschädigt der Blick auf die in allen Schattierungen von Hellrosa bis Dunkellila changierende Bussumerheide. So hatte ich es mir vorgestellt. Der Blick in die Ferne ist kilometerweit, und Marjan macht uns auf den Hilversumer Fernsehturm aufmerksam, der aus der Heidelandschaft wächst. So nah? Sie erklärt uns, dass wir uns hier näher an der Stadt befinden, als es scheint. „Keine zwei Kilometer von hier“, sagt sie. „Ein wunderbares Naherholungsgebiet direkt vor der Haustür!“

Üppig zeigt sich die Bussumerheide
Der Weg durch die Heide ist staubtrocken und immer wieder von skurril aussehenden Bäumen gesäumt. In der Mittagshitze sind es fast 30 Grad und die Wasserflaschen gleich leer. Doch unser lunchplek, wie es so schön heißt, ist nah: Heidezicht mitten in der Heide – und doch stadtnah. Daher auch gut besucht. Kein Wunder, die beiden großen Terrassen und der stylishe Innenraum mit den bodentiefen Fenstern laden zum Ausharren ein. Unter schattigen Bäumen genießen wir belegde broodjes, liebevoll und üppig belegte Stullen, die kleine Kunstwerke sind. Ich entscheide mich für die Variante mit Rote-Bete-Humus, gegrilltem Gemüse und Kümmel – ein Genuss!

Die belegten Stullen im Heidezicht-Café sind eine Wucht!
Schluss mit romantischen Vorstellungen: Beruf Schäferin
Wir könnten auch einfach hocken bleiben, da sind wir uns einig. Dem Besitzer dieser Traumlocation gehört übrigens auch Café Brambergen. Tolle Orte! Doch wir müssen weiterziehen. Unsere Verabredung mit der Schäferin wartet. Denn hier überlassen wir nichts dem Zufall, anders als bei den Schottischen Hochlandrindern. Wir hatten gehofft, die Rindviecher kreuzen in der Bussumerheide unseren Weg, doch die gemütlichen ‚Rasenmäher‘ haben ihren eigenen Kopf. Die schönen Tiere eignen sich hervorragend zur Beweidung der schützenswerten Heideflächen, doch heute sind sie anderswo unterwegs.
Ein witziges Zeichen weist auf die Herde hin: ein auf den Kopf gestelltes Vorfahrt-achten-Schild mit zwei Schafen. Die Schäferin mit ihren drei Hunden finden wir im Schatten einiger Sträuche – mit dem Laptop auf den Knien! Eine eindeutige Absage an die romantische Idee von einem selbstgenügsamen, dem Leben den Rücken zukehrenden Menschen in ländlicher Idylle. Die Herde weidet gleich um die Ecke, Rozenn hat den Schafzaun abgesteckt und die Tiere, 320 Drenther Heideschafe und zehn Ziegen, futtern gemütlich vor sich hin.
Zusammen mit Rozenn und Mies, ihrem erfahrensten Hütehund, gehen wir zu den Tieren rüber. Alle drei Hunde gehören ihr, sie hat sie selbst trainiert. Rozenn ist über ein Praktikum in den Job reingerutscht, kann sich aber heute, nach mehr als zwölf Jahren bei der Herde, „nichts anderes mehr vorstellen“. Sie und ihre beiden Kolleginnen wechseln sich ab, sie arbeiten viermal die Woche jeweils neun Stunden und an den Wochenenden abwechselnd. Ein Springer deckt die Urlaubs- und Krankheitszeiten ab. „Ein Job, der viel fordert, aber noch mehr zurückgibt“, sagt sie überzeugt.

Rozenn mit ihrer Herde
Hütehunde sind Schwerstarbeiter
Rozenn erklärt uns, dass die Herde in jedem Heidegebiet einen Nachtschlafplatz mit fest abgesteckten Zäunen hat. Füchse sind hier nichts Ungewöhnliches, und auch Wölfe wurden schon gesichtet. Sie pfeift nach Mies – er reagiert auf Pfiffe und Kommandos – und treibt die Herde zusammen. Rozenn arbeitet in einem „duo baan“: Sie hütet die Schafe und kartiert das Weidegebiet.„Mein Job ist abwechslungsreich, es passiert immer wieder etwas Neues!“ Rozenns absoluter Liebling in der Herde ist Apple. „Wann immer ich einen Apfel esse, kommt sie vorbei. Daher der Name.“ Doch heute ist Apple in Stall und nicht auf der Heide. Rozenns schönstes Erlebnis? Eine Geburt! „Es ist immer wieder unglaublich schön, wenn die Lämmer im Frühjahr kommen. Etwas Wunderbareres gibt es nicht!“
Wir verlassen Rozenn, schließlich liegen noch gut sechs Kilometer vor uns. Wir sind von der tollen Frau total geflasht und brauchen noch eine Weile, um die Begegnung zu verdauen. Daher sind die nächsten Kilometer durch die Heidelandschaft in all ihren Purpurtönen leiser als der Rest der Wanderung.

Auf der Wanderung durch die Heidelandschaft in all ihren Purpurtönen umfängt Wanderer vollkommene Stille
Die zweite Naturbrücke, Natuurbrug Laarderhoogt, quert die A1. Die beiden Ökodukte verbinden die Region Het Gooi mit dem Utrechtse Heuvelrug, einem Höhenzug zwischen den Provinzen Utrecht und Nordholland. Auch in der Blaricummer und Tafelbergheide, durch die wir nun wandern, hat Rozenns Herde ein Nachtlager. Eine schöne Vorstellung. Rechts des Weges liegt mit dem Tafelberg der höchste ‚Berg‘ von Het Gooi: 39 Meter schraubt er sich in die Höhe. Wir steigen nicht hinauf, zu heiß, sondern laufen weiter nach Huizen, dem Endpunkt unserer Etappe.

Geschafft! Willkommen in Huizen!
Das ehemalige Fischerdorf empfängt uns freundlich. Vorbei an der Krachtcentrale, einem markanten ehemaligen Kraftwerk, geht es Richtung Hafen. Das heutige Kulturzentrum ist der kreative Hotspot Huizens mit super Café-Restaurant, Ateliers, Galerie, Club, Kino Veranstaltungsräumen und begrünter Dachterrasse. Der Hafen ist malerisch, der Blick aufs Gooimeer, das in IJmeer, Markermeer und schießlich im IJsselmeer mündet, auch. Vorbei an Bootshäusern und der alten Botterwerft geht es zum Endpunkt unserer Etappe und damit zum Schlusspunkt des Noordholland-Pfades. Schnell ein ‚Beweisfoto‘ gemacht – und ab zum borrelen am Fuße der charakteristischen Huizener Kalköfen, die ordentlich was hermachen. Etwa 15 Meter sind sie hoch, und bis Mitte der 1970er-Jahre wurde in den flaschenförmigen Öfen bei einer Temperatur von 900 bis 1200 Grad Muschelkalk gebrannt. Heute sind die Kulturdenkmäler Teil einer Party- und Hochzeitslocation.

Ankunft in Huizen
Im Porterhouse lassen wir uns direkt am Wasser bier und borrelhapjes schmecken, frittierte Gambas, bitterballen (gefüllte Fleisch- und Gemüsebällchen) und Käsekroketten. Echt lekker! Und danken Marjan für den abwechlsungsreichen Tag auf der letzten Etappe des Noord-Hollandpads. Wir freuen uns schon, unsere erschöpften Beine in unserem Hooibergje auszuruhen – und auf unseren Tag an der Vecht und in der Medienstadt Hilversum morgen.
Receratie aan de Vecht
Direkt am Fluss liegt das schöne Anwesen von Marlies und André mit fünf Chalets, vier Hooibergjes und einem Pipowagen, sie sind „Botschafter“ des Noord-Hollandpads. Bei Recreatie aan de Vecht gibt es viel Platz, kostenlos Fahrräder auszuleihen und die Möglichkeit, mit dem Bötchen auf der Vecht zu fahren. Die freundlichen Gastgeber versorgen einen mit Tipps für die Umgebung und einem netten Schwatz, wenn man möchte. Die Gäste verpflegen sich selbst.

Mit dem Bötchen auf der Vecht fahren
Lesen Sie hier Susannes weitere Geschichten zu Tag 2
Unter Mitartbeit von:
Visit Gooi en Vecht
Goois Natuurreservaat
Recreatie aan de Vecht
Café-Restaurant Brambergen
Susanne Völler ist Reisebuchautorin und Journalistin und lebt in Köln. Sie wandert, radelt, schwimmt gerne – alles, was man draußen machen kann. Und sie reist gerne, in nahe und ferne Regionen und Länder und immer wieder in die Niederlande, die sie seit ihrer Kindheit besucht. Darüber schreibt sie in ihren Büchern (www.dumontreise.de/magazin/autoren/susanne-voeller.html) und auf ihrem Reiseblog, den sie gemeinsam mit einer Freundin betreut: vollcool-reisen.de.