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Noord-Hollandpad

Tag #2 unserer Kombitour „Stadt, Land, Fluss“

Goede morgen!
Tag 2 unserer Kombitour „Stadt, Land, Fluss“ beginnt gut bei einem Schwätzchen mit Marlies und André, unseren sympathischen Gastleuten. Die beiden vermieten nicht nur Chalets, Hooibergjes und Pipowagen und betreiben einen Bootsverleih direkt an der Vecht, sie sind auch Landwirte. … und sehr relaxt. Ob wir Lust auf eine Bootstour haben? Und ob! Direkt gegenüber von ihrem jahrhundertealten Bauernhaus liegen die Schaluppen auf der Vecht vertäut: klassische aus schwarzem Holz mit rotem Rand und grünem Deck, auf denen früher Vieh und Gemüse transportiert wurden, und moderne, leichtere aus Aluminium.

Etappe 16 aan het water bij recreatie aan de vecht

Klassische Schaluppen aus schwarzem Holz mit rotem Rand und grünem Deck, auf denen früher Vieh und Gemüse transportiert wurden, und moderne, leichtere aus Aluminium.

Brücken, Bier und Bilderbuchmotive

André wirft den Motor an und wir tuckern Richtung Weesp. Das Festungsstädtchen war Teil der holländischen Wasserlinie, Verteidigungsanlagen, die seit 2021 zum Unesco-Welterbe gehören. »Im Angriffsfall konnte das Land geflutet werden, bis zu 40 Zentimeter tief, und Pferd, Reiter und schweres Gerät blieben stecken.« Doch längst geht es an der Vecht idyllisch zu: Die Ufer sind von teils millionenschweren Hausbooten gesäumt, Bötchen und Kanus gleiten auf und ab, Kühe grasen postkartenreif am Ufer. Zur Rechten liegt Fort Uitermeer, einst Teil der Wasserlinie, heute aufwendig saniert und mit Restaurant PorterHouse – Essen mit Flussblick.

Weesp kündigt sich an: Immer mehr prächtige Wasservillen säumen das Ufer, jede mit eigenem Bade- und Bootssteg, oft mit schicker Jacht davor. Zur Linken grüßen zwei Mühlen, De Vriendschap ist noch als Kornmühle in Betrieb, während De Eendragt, eine Sägemühle aus dem 17. Jahrhundert, einfach nur Wohnhaus ist – aber was für eines! Hinter dem Bug unseres Kahns ragt nun die hölzerne Zugbrücke von Weesp auf, ein weiteres Bilderbuchmotiv. Als wir die nächste Brücke, die Sluisbrug, passieren, sagt Marlies lachend: „Achtet mal auf den Brückenwärter. Der flitzt die ganze Zeit mit dem Rad zwischen dieser und der Zwaantjesbrug hin und her.“

Etappe 16 Weesp

Die Sluisbrug in Weesp

André hat auch noch eine Geschichte für uns: „Früher war Weesp als Bier- und Geneverstadt bekannt, weil das Wasser der Vecht so sauber war. 1920 hat die letzte Brauerei dichtgemacht, aber seit ein paar Jahren wird wieder gebraut, in der Wispe Brouwerij – und zwar unter dem Dach der Sint-Laurentiuskerk.“ Er zeigt auf die Kirche zur Linken und grinst: „Im Turm ist eine Luxussuite untergebracht. Gut, dass die Glocken nicht mehr läuten!“

Ein Museum, das (etwas) bewegen will

Wir könnten den beiden ewig zuhören, doch wir müssen zurück: Hilversum wartet. Und mit ihm eine unerwartete Entdeckung, das Museum Hilversum im Herzen der Stadt. Das Neorenaissancegebäude mit Zuckerbäckertürmchen beherbergte einst das Rathaus und heute das Fotografiemuseum van Midden Nederland. Schon der Auftakt ist spektakulär: An den ehemaligen Ratssaal, einen offenen Raum mit klassizistischen Elementen in Originalfarben, warmen Hölzern und schönen Deckengemälden, schließt sich der moderne runde und ganz in Weiß gehaltene Neubau an. Die offenen Galerien mit den Kunstwerken gruppieren sich um einen runden Lichthof, der viel Licht spendet (unbedingt nach oben schauen!). Susanne, die Fotografin, ist begeistert. Ich auch, das hatten wir nicht erwartet.

Museum Hilversum

Die offenen Galerien mit den Kunstwerken gruppieren sich um einen runden Lichthof im Museum Hilversum (*)

Mehr noch beeindruckt uns die temporäre Ausstellung „Movements“, „Bewegung“. Zehn Fotografinnen und Fotografen erzählen die Geschichten hinter ihren Sportbildern – von Menschen, die sich gegen herrschende Normen wehren und die Gesellschaft ändern wollen. So wie in der Fotoserie von Maen Hammad über Skater in Palästina, die sich eine Parallelwelt zur „besetzten Realität“ erschaffen, in der Gemeinschaft und Zusammenhalt das Wichtigste sind. Ohrenbetäubend sind die großformatigen Bilder der Iranerin Newsha Tavakolia, die mit ihrer Serie „Listen“ Sängerinnen, die vom Regime in Teheran unterdrückt werden, eine Stimme geben möchte. Die Frauen auf den inszenierten Porträts tragen rote Boxhandschuhe – Symbol für ihren Kampf. 

Beeindruckt verlassen wir das Museum. Jetzt erst einmal einen Kaffee um die Ecke. Wir landen im Lennox – und es bleibt nicht beim wunderbar servierten und schmeckenden Kaffee. Mir hat es das Miso-Auberginen-Sandwich mit Granatapfelkernen, Gurke und Sesammayonnaise angetan, Susanne der hausgemachte Möhrenkuchen mit Frischkäsetopping und Mango-Passionsfrucht-Coulis. Sieht nicht nur schön aus, schmeckt auch super!

Ein Gesamtkunstwerk

Keine zehn Minuten sind es vom ehemaligen zum neuen Rathaus – und doch ist es eine Zeitreise. Der gelbe, komplett asymetrische Backsteinkomplex flasht auf den ersten Blick. Ein hoch aufragender Turm, vertikale und horizontale Vorsprünge, ineinander verschachtelte Gebäudeteile, Fensterleisten als gliedernde Fassadenelemente, Zierbänder – das von Gemeindearchitekt und Städteplaner Willem Marinus Dudok gebaute Raadhuis ist eine monumentale Skulptur. Dudok, der als Vater des niederländischen Modernismus gilt, entwarf das weltberühmte Ensemble vor knapp 100 Jahren. Er prägte Hilversum mit seinen Stadterweiterungen (Stichwort u. a.: Gartenstädte), Wohnungsbaukomplexen und einer großen Zahl an Schulen nachhaltig.

Etappe 16 Hilversum Dudok

Raadhuis in Hilversum

Wir sind im Dudok Architect Centre (DAC) mit Marion verabredet, sie ist unser Guide an diesem Nachmittag. Auf dem Weg zu ihr sind Susanne und ich ein wenig lost, aber das macht gar nichts, denn so kommen wir Dudok näher. Und stellen fest, dass die strenge, schon fast militärisch anmutende Außenfassade im Kontrast zum üppigen Jugendstildekor und dem farbenfrohen Interieur steht. „Dudok hat jedes noch so kleine Detail selbst bedacht“, erzählt Marion auf unserem Rundgang. „Er hat die komplette Innenausstattung entworfen: Teppiche, Möbel, Lampen und sogar den Sitzungshammer des Bürgermeisters und eine eigene Schrift.“ Als sie uns erzählt, dass er selbst die Gastgeschenke von Politikern und anderen Gästen vorher in Auftrag gegeben und selbst hat ausführen lassen, müssen wir lachen.

Etappe 16 Hilversum ontwerpen Dudok

Auf jedes noch so kleine Detail hat Dudok geachtet. Man schaue sich nur die Wanduhr und die Jugendstillampe an.

Sitzungssaal, Ratssaal, Trauzimmer … Jeder noch so kleine Raum ist einzigartig: Die Atmosphäre ist sorgfältig auf die jeweilige Funktion abgestimmt – von den Materialien bis hin zur Einrichtung, Möblierung, Polsterung, Beschriftung, Dekoration und Beleuchtung. „Dudok war so was wie ein Wachhund“, schmunzelt Marion. „Er hat sich zeitlebens gegen unnötige Eingriffe in ‚sein‘ Rathaus gewehrt.“ Erfolgreich! Als sie uns draußen auf die berühmten schrägen Schattenfugen zwischen den Ziegeln hinweist, die zauberhaften Wasserbecken und -spiele zeigt und erzählt, dass Dudok die gelben Backsteine extra hat backen lassen, holt uns die Hitze ein. 30 Grad – für die Niederlande eher ungewöhnlich. Daher entscheiden wir uns für Plan B: zurück ins Gooiland und „ab ins Wasser“.

Ein Dorf in der Stadt

Auf unserem Weg machen wir noch einen Abstecher auf der Dudok Route, die auf den Spuren des Ausnahmearchitekten quer durch die Stadt ins Blumenviertel führt. Die Bloemenbuurt ist etwas ganz Besonderes: das erste Stadtviertel mit Sozialwohnungen, das im Auftrag einer Gemeinde entwickelt wurde. Der Visionär Dudok schuf hier ein Quartier für Arbeiter mit zahlreichen öffentlichen Gebäuden – darunter Badehäuser, ein Lesesaal, Schulen – sowie mit Spielplätzen und Parks wie dem Kastanjevijver. Durch die Gestaltung vieler Plätze und Innenhöfe förderte er den sozialen Zusammenhalt, wozu auch die zentral gelegenen öffentlichen Einrichtungen beitrugen. Verirrt man sich in einen der Höfe, möchte man gar nicht mehr weg – so gemütlich ist es dort.

Etappe 16 Dudok wandeling

Auch bei den Arbeiterwohnungen hat Dudok Wert auf Details gelegt. Man achte auf die Hausnummer und Stilelemente der Tür (*)

Für die Arbeiter entwarf Dudok einfache, bezahlbare Wohnungen und Häuser, die hell, einladend und vor allem hygienisch waren. Obowhl sie sich ähneln, gibt es überall kleine Unterschiede. Auch hier überließ er nichts dem Zufall: Jedes Detail – von den Hausnummern bis zu den Briefkästen – ist sorgfältig durchdacht. Wir sind ganz angetan von diesem Viertel, das den Charme eines kleinen Dorfes versprüht. Während wir in der Anemonenstrat nach dem Lesesaal suchen, spricht uns eine Anwohnerin an, ob sie helfen kann. Als wir nach dem lesezaal fragen und nebenbei ihr hübsches Haus mit der schmucken grünen Tür und den Fensterlädchen loben, muss sie lachen: „Und dafür kommt ihr extra aus dem Ausland her?“ Was für sie Alltag ist, erscheint uns als etwas Besonderes.

Im und am Wasser

Jetzt aber, das Wasser ruft! Marlies hat uns heute morgen eine Badestelle verraten, unweit ihres Hofs im Spiegelplas, und nur zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen. Wir sind nicht die einzigen, die davon wissen, aber es ist schon später Nachmittag und viele gehen bereits. So bekommen wir noch ein Plätzchen auf dem Holzbadesteg und springen direkt in das außergewöhnlich klare Wasser. Die Sonne steht schon tief und spiegelt sich im Wasser. Herrlich! Wir wollen gar nicht mehr weg, aber der Magen grummelt. Hunger.

Etappe 16 eten aan het water

Traumterrasse des Restaurants 1244: Die Sonne steht schon tief und spiegelt sich im Wasser (*)

Durch eine wundersame Wasserwelt, die Ankeveensche Plassen, ist nach einer guten halben Stunde das idyllische Straßendorf Ankeveen und mit ihm Restaurant 1244 erreicht. Wir haben nicht reserviert, erwischen aber dennoch einen Terrassenplatz fast direkt am Wasser. Ein schöner Ort. Der Romantikfaktor steigt noch, als in der untergehenden Sonne eine Kanutin auf uns zu paddelt. Wenn jetzt noch das Essen gut ist … Ist es! Mein gegrillter Thunfisch ist auf den Punkt, das Kartoffelgratin auch, die Pimientos de Padron sind knackig. Susannes Salat mit Ziegenkäse ist ebenfalls ein topper – gut gewählt! Als wir bei unserem Verdauungsspaziergang durch das schnuckelige Dorf auf ein hübsches Haus stoßen, das zu verkaufen ist, sind wir uns einig: „Hier wollen wir leben.“ Doch für heute geht es erst einmal in die sehr bequemen Betten des Amrâth Hotels Lapershoek. Welterusten!

Amrâth Hotels Lapershoek

Etappe 16 des Noordholland-Pfades bietet die attraktive Möglichkeit, Natur und Stadt zu kombinieren. Die Amrâth-Kette mit gleich zwei Hotels in Hilversum ist „Botschafterin“ dieser Etappe. Wir kommen im Lapershoek unter, in einer prächtigen Villa in Parknähe. Das 4-Sterne-Haus blickt, wie alle 13 Hotels der Kette, auf eine besondere Geschichte zurück. Um 1900 für einen Notar erbaut, erlebte es ab 1960 spannende Zeiten, als es Heimat von Radio Veronica wurde, einem angesagten Piratensender. Ab 1980 war es Hotel, mit zwei Juniorsuiten und 80 Zimmern. „Doch die Radioleute kamen alle fünf Jahre für einen Monat zurück, mieteten das komplette Hotel und sendeten von hier“, erzählt Hoteldirektor David Gonzalez begeistert. Cool, finden wir. Genauso wie die ausgezeichneten Betten, den Wintergarten, das super Frühstück, die Mieträder und den kostenlosen Parkplatz.

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Geniessen im Amrâth Hotel Lapershoek 

Empfehlungen

Absolute aanraders (Empfehlungen) sind zwei ganz unterschiedliche Locations in der Nähe der Etappe: De Groene Afslag und das Singer Laren. Mit „Der Grünen Ausfahrt“ – benannt nach der Autobahnausfahrt um die Ecke – hat Kunsthistoriker und Unternehmer Lucas Mol etwas ganz Besonderes geschaffen: ein nachhaltiges Paradies im Grünen mit viel „Piratenflair“, das gleichzeitig veganes Café-Restaurant, Co-Working-Space, Biomarkt, Konzertbühne und mit der Veranderschool Treffpunkt für Menschen und Unternehmen ist, die die Welt ein Stück grüner, nachhaltiger und besser machen möchten.

Ebenfalls ein wunderbares Fleckchen Erde ist das Singer Laren, das Museum, Theater und Restauration in der Villa De Wilde Zwanen in einem spannenden Ensemble aus Alt und Neu vereint. Es birgt die bedeutende Kunstsammlung des amerikanischen Ehepaars Anna und William Singer und zeigt mehrere Wechselausstellungen jährlich. Wir sitzen lange schweigend vor der Fotoserie „The Day I Became Another Genocide Victim“ von Barry Salzman, die aus 100 „Porträts“ ruandischer Kriegsopfer besteht. Der Künstler besuchte dafür die Ausgrabungsstätte eines Massengrabs in Ruanda und zeigt auf jedem Foto, was die Opfer an ihrem letzten Tag trugen. „Ich hatte meine Lieblingsschuhe an, aber einer ging verloren“ oder „Ich trug mein Kleid mit dem Blumenmuster, es hat mir immer gute Laune gemacht“ – sind die Fotos untertitelt. Die Stille im wunderbaren Blumen- und Skulpturengarten tut jetzt gut. 

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Skulpturenkunst im wunderschönen Garten des Singer Laren 

Verlinkungen

Fort Uitermeer - Weesp
Wispe Brewery - Weesp
Museum Hilversum - Hilversum
Café Lennox – Hilversum
Dudok Architectuur Centrum - Hilversum
Dudok-Spaziergang – Hilversum
Amrâth Hotel Lapershoek Hilversum 
Spiegelplas - Nederhorst den Berg
Restaurant 1244 - Ankeveen
De Groene Afslag – Laren
Singer Laren - Laren
Visit Gooi en Vecht
Goois Natuurreservaat 

Susanne Völler ist Reisebuchautorin und Journalistin und lebt in Köln. Sie wandert, radelt, schwimmt gerne – alles, was man draußen machen kann. Und sie reist gerne, in nahe und ferne Regionen und Länder und immer wieder in die Niederlande, die sie seit ihrer Kindheit besucht. Darüber schreibt sie in ihren Büchern (www.dumontreise.de/magazin/autoren/susanne-voeller.html) und auf ihrem Reiseblog, den sie gemeinsam mit einer Freundin betreut: vollcool-reisen.de.
 
Susanne Troll ist Fotografin und Bildredakteurin in Köln. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Reisefotografie, der sie sich – wie man sieht – mit scharfem Auge und viel Liebe widmet. Gemeinsam mit Susanne Völler ist sie viel in den Niederlanden unterwegs und hält die Reisen im Bild fest. Darüber hinaus arbeitet sie freiberuflich als Bildredakteurin für diverse Verlage, unter anderem für den DuMont Reiseverlag, Marco Polo und MairDuMont. Ihre Fotos kann man unter www.susanne-troll-fotografie.de anschauen.
(*) Bild von Susanne Völler

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